Titelbild White Saviorism und Voluntourismus

White Saviorism & Voluntourismus

Warum ist das vermeintlich Gute oft problematisch?

Ich mache mein sechsmonatiges Praktikum bei live&learn im Bereich Marketing und Kommunikation. Als Unternehmen, das Freiwillige, Praktikantinnen und Praktikanten Einsatzstellen in einem Land des globalen Südens anbietet, hat live&learn Schnittstellen mit den Phänomenen White Saviorism und Voluntourismus. Als Praktikantin bin ich ebenfalls Teil dieser Schnittstelle und mit den Phänomenen konfrontiert. Mein Praktikum bietet mir die Möglichkeit sowohl Innen- als auch Außenperspektive einzunehmen und die Arbeit von live&learn kritisch zu reflektieren.  Dieser Blogeintrag versucht einen Einblick in meine Gedanken, Erkenntnisse und Sichtweisen zu geben, wie live&learn mit diesem Thema umgeht.


Was ist Voluntourismus?

Voluntourismus beschreibt die Verbindung von Reisen und freiwilligem Engagement, also den Versuch Gutes zu tun, während man ein Land bereist. Im Idealfall steht dabei das Ziel im Vordergrund, die Lebensbedingungen der Menschen in den Projektländern langfristig zu verbessern. In der Praxis übernehmen Freiwillige jedoch oft Aufgaben, für die sie weder ausgebildet noch wirklich qualifiziert sind. Also Tätigkeiten, die sie in ihrem Heimatland vermutlich nicht ausüben würden. Deshalb ist es besonders wichtig, sich vor einem Einsatz gründlich zu informieren:

  • Passen meine Fähigkeiten zu den Bedürfnissen des Projekts?
  • Würde ich diese Arbeit auch in meinem eigenen Land übernehmen?
  • Wie stellt die vermittelnde Organisation ihre Projekte dar – realistisch oder romantisierend?
  • Werden auch Herausforderungen und Grenzen offen angesprochen?
  • Steht die Arbeit des Projekts – und nicht die Erfahrung der Freiwilligen – im Mittelpunkt?

 

Diese Fragen helfen, sich kritisch mit den eigenen Motiven und der Wirkung des Engagements auseinanderzusetzen und verantwortungsvoller zu handeln.


Der Habitus des Mitleids:


White Saviorism
beschreibt das Phänomen, bei dem weiße Menschen aus dem globalen Norden das Bedürfnis verspüren, Menschen im globalen Süden „helfen“ zu müssen. Hinter dieser gut gemeinten Haltung verbirgt sich jedoch häufig eine paternalistische Machtstruktur, die bestehende Ungleichheiten verstärkt und neue Abhängigkeiten schafft.

Besonders sichtbar wird dieses Muster im Kontext von Hilfsprojekten und Voluntourismus. Weiße Freiwillige empfinden dort oft, bewusst oder unbewusst, ein Überlegenheitsgefühl, anstatt lokale Akteurinnen und Akteure als Vorgesetzte, Anleiterinnen und Anleiter oder Lehrerinnen und Lehrer wahrzunehmen. Die Absicht zu helfen ist gut, aber die Handlung nicht zielführend, weil die „Entwicklungshilfe“ entweder nicht gebraucht wird, nicht nachhaltig genug ist oder fördert neue Abhängigkeitsverhältnisse.

Oft liegt das Problem auch bei den vermittelnden Organisationen. Wenn sie sich nicht ausreichend mit den Projekten, deren Mitarbeitenden und der tatsächlichen Wirkung vor Ort auseinandersetzen, kann die vermeintliche Hilfe sogar Schaden anrichten. Außerdem kann der Einsatz von Freiwilligen wertvolle Zeit des lokalen Personals beanspruchen, weil die Bedürfnisse der internationalen Freiwilligen bedient werden müssen, zum Beispiel bei der Reisevorbereitung, Anleitung oder der Suche nach einer Unterkunft am Einsatzort.

So besteht beispielsweise die Gefahr, dass Freiwilligenprojekte lokale Arbeitsplätze verdrängen (vor allem bei langfristigen Freiwilligenprogrammen) oder gar nicht den angekündigten Zielen dienen.

Teilweise werden durch die Programmgebühren der Freiwilligen Gelder für weitere Arbeitskräfte generiert oder zusätzliche Projekte finanziert. Das gilt vor allem für Natur- und Artenschutzprojekte.

Der White-Savior-Komplex ist daher eng verknüpft mit kurzfristiger, an Reisedauer und persönlichen Interessen der Freiwilligen gebundener Hilfe. In meiner Auseinandersetzung mit dem Thema habe ich zwei grundlegende Motivationsmuster erkannt:

  • Die helfende bzw. mitleidige Absicht, die auf Mitgefühl beruht, aber oft von unbewusster Überlegenheit begleitet ist.
  • Die narzisstische Absicht, bei der das eigene Selbstbild als „Retter*in“ im Vordergrund steht.

 

Die helfende Absicht:

 

„Die Leute sind so glücklich, weil sie wissen, worauf es im Leben ankommt.“

Solche Sätze hört man oft von Reisenden, die zum ersten Mal mit Armut oder prekären Lebensverhältnissen konfrontiert werden. Natürlich kann es berühren oder bedrücken, wenn man etwa auf der Autobahn an Townships vorbeifährt. Empathie und Mitgefühl sind natürliche menschliche Reaktionen auf Situationen, die sich stark von der eigenen Lebensrealität unterscheiden.

Problematisch wird es jedoch, wenn aus dieser Emotion eine unbewusste Wertung entsteht, wenn das, was man aus dem eigenen Umfeld kennt, zum Maßstab gemacht wird und andere Lebensweisen automatisch als „weniger gut“ gelten. So verwandelt sich ein zunächst deskriptiver Blick in einen normativen. Koloniale Denkmuster und alte Hierarchien schwingen dabei oft unbemerkt mit.

Narzisstische Held*innengeschichte:

 

Der narzisstische Aspekt des White Saviorism beruht auf der Vorstellung, dass Länder des globalen Nordens progressiver und fortschrittlicher seien und daher über das Wissen und die Fähigkeiten verfügten, Ländern des globalen Südens ihre Strukturen oder „richtigen“ Wege beizubringen. Die narzisstische Haltung entspringt dem Gefühl, etwas „zurückgegeben“ zu haben und ganz nebenbei noch eine bereichernde Reiseerfahrung gemacht zu haben.

Dabei wird oft übersehen, dass der vermeintliche Fortschritt des globalen Nordens selbst auf Strukturen beruht, die nur durch die Auslagerung von Produktion, die Ausbeutung von Arbeitskräften und den Zugriff auf Ressourcen des globalen Südens möglich sind. Das System, in dem sich Freiwillige als „helfend“ verstehen, reproduziert somit genau jene Ungleichheiten, aus denen es hervorgegangen ist, ähnlich wie beim Klimawandel, dessen Hauptverursacher im Norden liegen, während die gravierendsten Folgen im Süden spürbar sind.


Mein Fazit: Wie geht live&learn mit den beiden Phänomenen um?

 

Da live&learn neben Praktika auch Freiwilligendienste für internationale Teilnehmende vermittelt, lässt sich der Vorwurf des Voluntourismus nicht vollständig von der Hand weisen. Die Organisation ist sich dieser Problematik jedoch bewusst und legt großen Wert auf eine nachhaltige, langfristig angelegte Zusammenarbeit mit ihren Projektpartnern vor Ort.

Tatsächlich stammen die meisten Freiwilligen aus Europa, häufig aus Deutschland oder der Schweiz, und verfügen über die finanziellen Mittel, Reisekosten, Versicherungen und Projektbeiträge selbst zu tragen. Auch das kann bestehende Ungleichheiten widerspiegeln. Gleichzeitig zeigt sich im organisatorischen Ablauf, dass live&learn bemüht ist, diesen Dynamiken verantwortungsvoll zu begegnen.

Antje und Alex, die die Organisation leiten, kommen ursprünglich aus Deutschland, leben aber seit 30 Jahren in Südafrika und sind dort gut vernetzt. Sie waren bereits in unterschiedlichen Rollen Teil der Freiwilligenarbeit, zum Beispiel hat Antje als entwicklungspolitische Beraterin in Durban gearbeitet, und beide waren sowohl in koordinierender Funktion als auch selbst als Volunteers in Projekten tätig.

Auf der live&learn website findest du unter dem Abschnitt Coaching Nachhaltig Reisen einen Workshop für einen Euro, bei dem du dich mit deiner Motivation sowie unbewussten oder bewussten Vorurteilen gegenüber deinem Reiseland auseinandersetzen kannst. Damit wirst du dir bewusst, worum es dir bei deinem Engagement wirklich geht und kannst potentielles Überlegenheitsempfinden umgehen.

Durch ihre Erfahrung und ihr Netzwerk können sie die Freiwilligen und Projekte auch konstant betreuen. Die Freiwilligen werden sorgfältig auf ihren Einsatz vorbereitet. Dabei wird stets betont, dass es sich um eine gegenseitige Lernerfahrung handeln soll und keine Partei der anderen fachlich überlegen ist.

Antje prüft in persönlichen Kennenlern- und Einführungsgesprächen die Passung zwischen Volunteer und Projekt. Dabei achtet sie vor allem darauf, dass die Freiwilligen aus den richtigen Gründen anreisen und offen für eine Lernerfahrung sind. So kann sie die Partnerorganisationen entlasten, weil die Freiwilligen „nur“ noch angeleitet werden müssen und von Reiseorganisation bis Freizeitgestaltung in Südafrika alles geregelt ist.

In einigen Projekten leben Freiwillige gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen vor Ort, was den interkulturellen Austausch und das gemeinsame Lernen fördert. Die meisten Teilnehmenden sind Studierende mit fachlichem Interesse und entsprechenden Vorkenntnissen in ihrem Einsatzbereich, ein Aspekt, der die Qualität und Sinnhaftigkeit der Arbeit zusätzlich stärkt.

nachhaltig Reisen

Du möchtest dich mehr mit dem Thema White Savorism und nachhaltiges Reisen auseinandersetzen?

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