Wasserkrise Kapstadt: Sind internationale Besucher noch erwünscht?

Wasserkrise Kapstadt: Sind internationale Besucher noch erwünscht?

Seit unserem letzten Bericht zum Thema Wasserknappheit in Kapstadt hat sich die Wasserkrise weiter zugespitzt. Mitte Januar kündigte die Stadtregierung an, daß bei gleichbleibendem Verbrauch, am 21.4.2018 Day Zero eintritt und die zentrale Wasserversorgung der Haushalte abgeschaltet werden muss. Jegliches Trinkwasser muss dann an zentralen Ausgabestellen abgeholt werden. Jeder Person stehen dann nur noch 25l am Tag zu. Aufgrund neuer Berechnungen, die den veränderten Wasserkonsum von Haushalten und der Landwirtschaft berücksichtigt, hat die Stadt am 5.2.2018 und erneut am 13.2.2018 das Datum für Day Zero nach hinten verlegen können – neuer Stichtag ist nun der 4.6.2018 und werden die Chancen immer besser, dass Day Zero vielleicht doch noch abgewendet werden kann, wenn alle Bewohner und Besucher sich weiterhin an die Wasserrestriktionen halten.

Wird es wirklich zum Day Zero kommen? Und wenn ja, wie lange bleibt er? Kann man dann überhaupt noch in Kapstadt leben? Ist mit politischen Spannungen oder gar Konflikten im Kampf um das Wasser zu rechnen? Sollten Urlauber und Freiwillige lieber zu Hause bleiben? Ist ihr Südafrikaaufenthalt überhaupt noch erwünscht? Betrifft die Wasserkrise auch andere Regionen Südafrikas?

Diese und ähnliche Fragen erreichen uns momentan fast täglich von Südafrikainteressierten, die über die Wasserkrise von den deutschen Medien erfahren haben und nun überlegen, ob ein Besuch in Kapstadt oder Südafrika überhaupt Sinn macht.

Gute Fragen sind es, und wir möchten diesen Newsbeitrag nutzen, um vom Leben mit der Wasserkrise zu berichten, und auf obige Fragen einzugehen.

Wird es zum Day Zero kommen? Und wenn ja, wie lange bleibt er?
Kapstadt bezieht seine Trinkwasservorräte aus mehreren Wasserdämmen, die von Niederschlägen gespeist werden. Die Wasserdämme Kapstadts waren am 15.1.2018 nur noch zu 28% mit Wasser gefüllt. Das Wasser der Dämme kann nur bis zu einen Pegelstand von 13,5% genutzt werden, da der Rest des Wassers nicht nutzbar ist. Das Datum von Day Zero wurde entsprechend des durchschnittlichen täglichen Verbrauchs im Dezember 2017 kalkuliert. Zu diesem Zeitpunkt haben sich erst gut die Hälfte aller Kapstädter Haushalte an die Wassersparmaßnahmen gehalten und sehr viel mehr als die vorgeschriebenen 87l/Person/Tag verbraucht. Viele haben tatsächlich bis zu diesem Zeitpunkt noch ihre Gärten gesprengt oder ihre Swimming Pools aufgefüllt. Die sich nun weiter zuspitzende Situation sollte nun auch diese Bewohner zur Raison gebracht und davon überzeugt haben, daß wirklich alle beim Wassersparen helfen müssen. Dabei geholfen haben sicher auch die strengen Kontrollen der Stadt sowie die Verwarnung von Haushalten, die ihren täglichen Wasserverbrauch nicht reduziert haben
Sollten nun also alle Kapstädter beim Wassersparen mitmachen, stehen die Chancen gut, dass der Stichtag Day Zero nach hinten verschoben werden kann. Und je weiter sich Day Zero verschiebt, desto wahrscheinlicher ist es, dass es ihn gar nicht geben wird. Ab April/Mai erwarten wir den Herbst- und Winterregen in der Region Kapstadt, d.h. ab dann werden die Dämme wieder aufgefüllt und die Situation wird sich entspannen.
Spätestens ab dem nächsten Sommer (Januar 2019) werden auch weitere Wasserquellen zur Verfügung stehen. Die Stadtregierung arbeitet bereits an mehrere Meerwasserentsalzungsanlage sowie an einer Anlage, die weitere unterirdische Wasserspeicher in Kapstadt nutzbar macht. Unter dem Tafelbergmassiv befindet sich zum Beispiel ein sehr weitreichender Gundwassersee, dessen Nutzung die Wasserkrise Kapstadts langfristig beheben kann.

Was heißt Day Zero für das Leben in Kapstadt? Kann man hier überhaupt noch leben?
Als die erste Stufe des Wassersparens angekündigt wurde, haben wir uns gefragt, wie wir das wohl schaffen sollen – 87l / Person am Tag? Für die Toilettenspülung braucht man doch schon fast 40l / Person am Tag … und dann wollen wir noch duschen, Wäsche waschen, trinken und kochen … vom Garten ganz zu schweigen … . Wie soll das jemals gehen … ?
Inzwischen verwenden wir nur noch 40l/pro Person am Tag … und das geht sehr viel leichter als gedacht. Enorm viel Wasser lässt sich sehr einfach sparen, wenn man das Brauchwasser auffängt und für die Toilettenspülung und ggf. auch für den Garten nutzt. Duschen lassen sich tatsächlich auf 2 min begrenzen, und manche Dusche lässt sich in einer Stadt wie Kapstadt durch einen Sprung ins Meer ersetzen. Meine langhaarigen Freundinnen und ich denken allerdings verschärft darüber nach, ob uns ein Kurzhaarschnitt vielleicht auch gut stehen würde. Aus einer 2 min Dusche könnte dann eine 1 min Dusche werden. Hier findest du eine Anleitung zum Wassersparen.
So sind wir positiv gestimmt, dass wir nach Day Zero bis zum nächsten Regen auch mit 25l/Tag/Person auskommen werden. Das Wasser muss dann an einem der geplanten 175 Wasserausgabestellen abgeholt werden. Das wird sicher die größte Herausforderung. Schon jetzt machen Nachbarn Pläne, wie sie sich gegenseitig unterstützen können, so dass die Wasserkrise auch Menschen zusammenbringen wird.
Kritische Einrichtungen wie Krankenhäuser sowie die Innenstadt Kapstadts, mit einer Vielzahl von Unternehmen und Versorgungseinrichtungen, inklusive dem Sitz der Stadtregierung wird weiterhin mit Wasser versorgt werden. Auch in allen informellen Siedlungen, in denen Haushalte keine Wasseranschlüsse im Haus haben, sondern an sogenannten „Community Taps“ ihr Wasser täglich holen, bleiben die Wasserhähne offen.
So sehen wir in der Krise auch eine Chance. Wohlhabende Kapstädter erhalten einen Eindruck davon, was es heißt, kein fließendes Wasser zu haben, und jegliches Wasser selbst ins Haus zu schaffen. Die Krise kann dazu beitragen, daß sich wohlhabende Kapstädter die Lebenssituation von Bewohnern der informellen Siedlungen besser zu verstehen und sich ggf. auch für eine Aufwertung der Lebensbedingungen einzusetzen. Gleichzeitig erleben wir alle hautnah, was passiert, wenn sich unser Klima ändert, und wir nicht verantwortungsvoll mit unseren natürlichen Ressourcen umgehen. Aus dieser Erfahrung kann auch eine größere Solidarität mit anderen Opfern globalen Klimawandels sowie größere Offenheit und Engagement für nachhaltigere Wirtschaftsweisen erwachsen.

Ist mit politischen Spannungen oder gar Konflikten im Kampf um das Wasser zu rechnen?
Natürlich kommt es bei jeder gesellschaftlichen Krise auch zu politischen Spannungen, oder aber es gibt Schuldzuweisungen, werden für die Krise verantwortlich zu machen ist. Auch wenn die derzeitige Krise vornehmlich eine ökologische und die Hauptursache der nicht fallen wollende Regen ist, so hat die Stadtregierung sicher auch eine Mitschuld an der Stärke der Krise zu diesem Zeitpunkt. Seit Mitte der 90er Jahren boomed die Metropole Kapstadt mehr als andere südafrikanische Städte. Menschen aus ganz Südafrika aber auch aus der ganzen Welt zieht es in diese faszinierende Stadt. Schon vor geraumer Zeit haben Umweltverbände darauf hingewiesen, dass der immense Bevölkerungsanstieg enormen Druck auf natürliche Ressourcen wie Wasser ausübt und dass die Stadt alternative Ressourcen finden oder aber die Entstehung von immer mehr Häusern und Wohnanlagen eindämmen muss. Aber während die Einwohnerzahl Kapstadts seit 1995 um 75% stieg (von 2,4 Millionen Einwohner auf 4,3 Millionen), wurden die Wasserspeicherkapazitäten nur um 15% erhöht. Da die Stadt Kapstadt und die Provinz Westkap von der Democratic Alliance und damit einer nationalen Oppositionspartei regiert wird, wird die besondere Situation am Kap nun auch mancherorts politisch ausgeschlachtet. Das heißt der ANC und die DA versuchen sich zu positionieren und sich gegenseitig für die Krise verantwortlich zu machen.
Viele Kapstädter sind frustriert, dass die Stadt Kapstadt so spät die Ernsthaftigkeit der Lage erkannt und mit der Bevölkerung kommuniziert hat. Politische Unruhen gibt es aber nicht, und wir erwarten sie auch nicht. Momentan löst die Wasserkrise unter den Bewohnern Kapstadts eher eine Welle der Solidarität aus. Auch halten wir es für sehr unwahrscheinlich, dass es zu Ausschreitungen an den Wasservergabestellen kommt. Schon jetzt „zapfen“ viele Bewohner Kapstadts ihr Trinkwasser an einer der überirdischen Trinkwasserquellen Kapstadts, zum Beispiel in Newlands, Kalk Bay, St. James oder Lakeside, um noch weniger Wasser aus dem Hahn zu verbrauchen. An den Quellen gibt es oft lange Schlangen, aber es gibt kein Gedrängel sondern die Menschen nutzen die Gelegenheit für einen „Klönschnack“.

Die Stadt hat inzwischen einen Krisenstab eingerichtet, der auf Kapstadt auf Day Zero vorbereiten soll. Hier findest du alle Informationen der Stadt Kapstadt zum Thema Wasserkrise.

Sollten Urlauber und Freiwillige lieber zu Hause bleiben? Ist ihr Südafrikaaufenthalt überhaupt noch erwünscht? Betrifft die Wasserkrise auch andere Regionen Südafrikas?
Dies ist eine der wichtigsten Fragen, die wir immer wieder gestellt bekommen. Zu Hause bleiben sollte nur, wer nicht bereit ist, beim Wasser Sparen mitzuhelfen. Wer zum Wassersparen bereit ist, sollte auf jeden Fall kommen, denn Südafrikas Wirtschaft, insbesondere das Westkap hängt stark vom Tourismus ab. Je mehr Besucher sich gegen einen Südafrikaaufenthalt entscheiden, desto mehr Unternehmen müssen aufgeben und desto mehr Südafrikaner verlieren ihren Arbeitsplatz. Das wäre dann der Beginn einer weiteren und noch schwerwiegenderen Krise, deren Folgen sehr viel schwerer zu ertragen sind als die derzeitige Wasserknappheit. Auch Freiwillige werden nach wie vor in unseren Projekten gebraucht, und darüber hinaus müssen auch die Essen, Trinken und schlafen, d.h. auch sie sichern durch ihr Leben in Südafrika Arbeitsplätze und leisten einen positiven Beitrag zur Entwicklung Südafrikas Wirtschaft. Darüber hinaus ist nur die Metropolregion Kapstadt so extrem von der Wasserkrise betroffen. Andere Orte im Westkap, die ähnlich wenig Niederschlag erhalten haben, sind weniger stark betroffen. Einen Day Zero, also das Abschalten des Wassers, wird nur in Kapstadt erfolgen. Die Garden Route und Teile des Ostkaps haben in diesem Jahr zwar auch relativ wenig Niederschlag erhalten und auch hier sind die Bewohner aufgefordert, nach Möglichkeit Wasser zu sparen – es handelt sich in diesen Regionen jedoch noch nicht um Wasserkrisen und es besteht keine Gefahr, daß vor dem Beginn des nächsten Winters die Wasserreserven ausgehen.
Wer also wenig zusätzlichen Druck auf die Wassersituation in Kapstadt so, der plant seinen Urlaub oder Freiwilligendienst in den Monaten April bis Juli 2018 in einem anderem Ort im Westkap oder in anderen Regionen Südafrikas. Bitte kontaktiere das live&learn Team, um zu erfahren, welche Regionen und damit Freiwilligeneinsatzorte nicht betroffen sind. Urlauber und Freiwillige sind definitiv sehr willkommen in Südafrika! Gar nicht nach Südafrika kommen schadet dem Land mehr als es ihm hilft.

Kapstadt ist nur ein Beispiel, wie unsere Zivilisation weltweit Druck auf natürliche Ressourcen ausübt. Nicht nur Wassermangel bedroht Menschen in vielen Teilen der Erde. Eine generelle ökologische Übernutzung der Erde wird von Umweltschützern schon seit Jahren beklagt – die Zivilisation verbraucht in einem Jahr mehr natürliche Ressourcen als sie sich innerhalb eines Jahres wieder regenerieren können. Die ökologische Übernutzung führt nicht nur zu einem Mangel an entsprechenden Ressourcen, sondern auch zu einer Verminderung biologischer Vielfalt, die zum Beispiel sehr deutlich in der Überfischung der Meere wird. Auch führt sie zu einer Zunahme von extremen Wettereignissen: Diese betrifft nicht nur Kapstadt und andere Landschaftsstriche, die von Dürre bedroht sind, andere Regionen sind von Stürmen und Starkregen betroffen –Deutschland erlebt zum Beispiel in den letzten Jahren eine Zunahme von extremen Stürmen mit Starkregen und Überschwemmungen. Es ist Zeit, unseren Umgang mit der Natur und unseren Lebensstil zu überdenken. Packen wir‘s an!

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